Helicobacter
pylori
Ein Bakterium, das die Magenschleimhaut des Menschen besiedelt - und das lange Zeit niemand für möglich gehalten hat.
- 1Was ist Helicobacter pylori?
- 2Wie steckt man sich an?
- 3Welche Krankheiten verursacht es?
- 4Wie wird eine Infektion nachgewiesen?
- 5Wie wird behandelt?
Was ist
H. pylori?
- Spiralförmiges Bakterium, 2 bis 4 Mikrometer lang
- Lebt nur im Magen, in der Schleimschicht über der Magenwand
- Kommt praktisch nur beim Menschen vor
- Magensäure: pH 1 bis 2 - einer der lebensfeindlichsten Orte im Körper
- Bis in die 1980er Jahre galt der Magen als steril
Magenbakterium, kein Darmbakterium
- Dickdarm: rund 100 Milliarden Bakterien pro Milliliter
- Magen: nur 1.000 bis 10.000 - sieben Zehnerpotenzen weniger
- Also nicht steril, aber sehr dünn besiedelt
- Eigene Bakteriengemeinschaft, keine Mundflora
Häufig falsch zitiert: Das Verhältnis Bakterien zu Körperzellen liegt bei 1,3 zu 1, nicht 10 zu 1. Die Darmflora wiegt rund 200 Gramm, nicht zwei Kilogramm.
Maßstab in Mikrometern - ein Tausendstel Millimeter. Rund 300 dieser Bakterien hintereinander ergeben die Dicke eines Blatt Papiers.
Aufbau und
Merkmale
Merkmal wählen - das Modell dreht sich dorthin und beschriftet die Stelle.
- Form - wie es aussieht
- Geißeln - wie es sich bewegt
- Urease - wie es die Säure übersteht
- CagA - warum manche Stämme gefährlicher sind
Wie überlebt es
die Magensäure?
- H. pylori ist nicht säureliebend - es wächst nur bei pH 5,5 bis 8
- Es hält die Säure nicht aus, sondern verändert seine Umgebung
1. Neutralisieren
- Urease spaltet Harnstoff zu Ammoniak
- Ammoniak puffert die Säure ab
- Kanal UreI öffnet erst bei sinkendem pH
2. Schleim verflüssigen
- Magenschleim ist nur im Sauren ein festes Gel
- Steigt der pH, wird er dünnflüssig
- Es bohrt sich nicht durch, es verflüssigt den Schleim
3. Orientieren
- Im Schleim steigt der pH nach innen an
- Das Bakterium schwimmt dem Gefälle entgegen
- Ohne Gefälle verliert es die Richtung
4. Verankern
- Haftproteine binden an Zucker der Magenzellen
- Dieselben Moleküle bestimmen die Blutgruppe
- Ohne Halt würde es abtransportiert
Wie wurde es
entdeckt?
- Zwei australische Ärzte gegen die herrschende Lehrmeinung
- Beweis durch einen Selbstversuch
- Nobelpreis 2005
- Pathologe J. Robin Warren, Perth
- Gekrümmte Bakterien in rund der Hälfte aller Magenproben
- Entscheidend: daneben liegt immer entzündetes Gewebe
Quellen: Lancet 1983 und 1984, Selbstversuch Med J Aust 1985, Nobelkomitee 2005. Das Versuchsdatum des Selbstversuchs wird meist mit 1984 angegeben; belegbar ist das Jahr der Veröffentlichung.
Wie steckt man
sich an?
- Von Mensch zu Mensch - fäkal-oral und oral-oral
- Etwa 90 Prozent der Infektionen in der Kindheit
- Meist innerhalb der eigenen Familie
- Ist die Mutter infiziert: 13-fach höheres Risiko
- Hängt an Hygiene, Wohnverhältnissen, Einkommen
- Weltweit gesunken: 58 → 43 Prozent seit den 1980er Jahren - bei Kindern und Jugendlichen aber kein messbarer Rückgang
Anteil Infizierter nach Weltregion
Afrika und Schweiz: Metaanalyse von Hooi et al. 2017. Regionale Zeittrends nach 2000 aus einer Übersichtsarbeit von 2025. Deutschland: DGVS-Leitlinie; je nach Testverfahren liegen die Werte zwischen 29 und 48 Prozent.
Ist eine Infektion
gefährlich?
- Bei allen Infizierten: chronische Magenschleimhautentzündung
- 80 Prozent bleiben ein Leben lang beschwerdefrei
- ca. 10 Prozent bekommen ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür
- 1 bis 5 Prozent erkranken an Magenkrebs
- Seit 1994 von der IARC, der Krebsforschungsagentur der WHO, als Karzinogen der Gruppe 1 eingestuft - dieselbe Kategorie wie Tabakrauch und Asbest 2012 bestätigt und auf zwei Tumorarten präzisiert: Magenkarzinom und MALT-Lymphom.
Die Entwicklung verläuft über Jahrzehnte
Eine Stufe anklicken für die Erläuterung. Diese Abfolge heißt Correa-Kaskade.
Wie wird eine
Infektion
nachgewiesen?
- Kein Eingriff nötig - der Atemtest genügt
- Patient trinkt Harnstoff mit markiertem Kohlenstoff C-13
- Urease spaltet ihn, markiertes CO₂ erscheint in der Atemluft
- C-13 ist nicht radioaktiv, nur schwerer als normaler Kohlenstoff
Drei Nachweisverfahren
- Atemtest - ohne Eingriff, das treffsicherste nicht-invasive Verfahren
- Stuhltest - weist Bestandteile des Bakteriums nach
- Magenspiegelung mit Gewebeprobe - zeigt zusätzlich den Zustand der Schleimhaut
- Vorher absetzen: Säureblocker 2 Wochen, Antibiotika 4 Wochen - sonst bis zu 80 Prozent falsch negativ
Wie wird
behandelt?
- Heilbar: vier Wirkstoffe über 10 bis 14 Tage
- Die vollständige Beseitigung heißt Eradikation
- Nur bei zuverlässiger Einnahme - sonst fällt die Erfolgsrate stark
Vereinfachte Darstellung der Bismut-Quadrupeltherapie. Die genaue Auswahl trifft die Ärztin.
Das Problem der Antibiotikaresistenz
- In Deutschland 11,3 Prozent der Stämme gegen Clarithromycin unempfindlich, 13,4 Prozent gegen Levofloxacin
- Europaweit 18 Prozent, im Westpazifik 34 Prozent
- Die alte Dreifachtherapie wird deshalb nicht mehr als Ersttherapie empfohlen
- Bei resistenten Stämmen wirkte ein Standardschema nur noch bei 31,9 Prozent; ein neuerer Säureblocker bei 65,8 Prozent
Gibt es eine Impfung?
- Nein. Kein Impfstoff ist zugelassen
- Ein Kandidat erreichte 2015 die letzte Studienphase - an 4.464 Kindern in China, 71,8 Prozent Schutz über zwölf Monate
- Der Erreger entgeht der Immunabwehr zu wirksam
Zusammen-
fassung
- Ein langlebiger Irrtum. Der Magen galt als steril, Magengeschwüre als stressbedingt. Es brauchte über 20 Jahre und einen Selbstversuch, bis sich die bakterielle Ursache durchsetzte.
- Ein Bakterium als Krebsursache. H. pylori ist der weltweit häufigste krebserregende Erreger - noch vor allen Viren. Für das Jahr 2018 werden ihm rund 810.000 Krebsfälle zugerechnet.
- Weitgehend vermeidbar. Für die heute geborenen Jahrgänge erwartet die WHO-Krebsagentur 15,6 Millionen Magenkarzinome; 76 Prozent davon sind H. pylori zuzuschreiben und damit grundsätzlich vermeidbar.
- März 2026: Die WHO-Krebsagentur empfiehlt, in Ländern mit hoher Magenkrebsrate reihenweise zu testen und zu behandeln
- Die Behandlung senkt die Magenkrebsfälle um 36 Prozent, die Todesfälle um 22 Prozent
- Deutschland gehört nicht dazu - die Rate ist zu niedrig für einen Reihentest
- Trotzdem: 2023 in Deutschland 14.620 Neuerkrankungen und 7.808 Todesfälle - rund 70 Prozent davon werden H. pylori zugeschrieben
Quellen
37 Quellen: Originalarbeiten aus Fachzeitschriften, Leitlinien der Fachgesellschaften und Veröffentlichungen von WHO, IARC und Robert-Koch-Institut. Jede Zahl auf den Folien ist hier belegt.
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Bildnachweis
- Elektronenmikroskopie: Yutaka Tsutsumi, Fujita Health University - freie Verwendung, Wikimedia Commons
- Gastritis-Histologie: Patho - CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
- J. Robin Warren: A friend of Akshay Sharma - CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
- Barry J. Marshall: WikiEdtingProfile2021 - CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
- Intestinale Metaplasie: Nephron - CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons
- Atemtest-Besteck: melvil - CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
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